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Der Autodidakt
eignete sich ein Wissen an, das seine politischen Gegner immer wieder
verblüffte. Autodidakten hatten und haben es immer schwer, denn oft
werden Wissen und Können ohne Diplom belächelt und nicht anerkannt.
Warum eigentlich? Wieviel schwerer muss es zur Zeit des jungen Schortgen
erst gewesen sein, diesen beschwerlichen Weg zu beschreiten. Doch er
hatte früh eingesehen, dass es mit Wichtigtuerei allein nicht getan sei
und darob gebot ihm seine angeborene Intelligenz diesen Weg. Er besorgte
sich Bücher und Schriften aus dem Ausland, las und verstand, ohne höhere
Schulbildung, Richtiges von Falschem zu unterscheiden und er bemühte
sich zeitlebens, sein Wissen an seine Mitstreiter weiterzugeben. In
Kreisen der -sogenannten Intellektuellen -wurde er als nicht würdiger
Eindringling in deren bisher geschützten Zone angesehen. Doch das ficht
Schortgen wenig und die nicht wenigen Versuche, ihn lächerlich zu machen
konterte er wie folgt: "Ich bin zwar nur ein simpler Arbeiter,
aber ich habe meine Mussestunden verwendet, um einen Blick in die
Weltgeschichte zu werfen und lasse mir heute nichts mehr erzählen, was
nur diesen Herren gefällt."
Aber dass seine Lokalgenossen und seine Freunde von ihm sagten: "
Er kann lesen, schreiben und reden" das erfüllte ihn mit Stolz
und mit Genugtuung.
Doch der Autodidakt war sich schnell bewusst, dass das tägliche Leben
sich nicht von der Politik trennen lasse und so begann er, sich auch in
diesem Bereich weiter zu bilden. Doch ein jeder, der auch nur
ansatzweise den Weg des Autodidakten einmal beschritten hat, muss sich
die Frage stellen: "Wie hat dieser einfache Mann es fertig
gebracht, sich so ein umfassendes Wissen anzueignen?"
Der Politiker
Die Zeichen der Zeit hatte Schortgen schon in jungen Jahren erkannt und
darum war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, sich den Dr. Welter,
Brasseur und Spoo anzuschliessen, als diese um die Jahrhundertwende, die
Sozialdemokratische -Partei gündeten. Schortgen gründete in Tetingen
eine Lokalsektion und übernahm im Laufe der Jahre eine dominierende
Rolle in der Partei. Seine Referententätigkeit ging weit über das
Kayltal hinaus und seine Versammlungen glichen in der Mehrzahl
sozialpolitischen Seminaren. 1905 wurde Schortgen zum Mitglied der
Parteileitung gewählt und er übernahm 1908 den Parteivorsitz. Zu dem
Zeitpunkt war die Sozialdemokratie, infolge einer Zersplitterung sehr
geschwächt. Der Präsident versuchte unablässig, die Scherben wieder zu
kitten, doch dies gelang ihm erst im Jahre 1912. Schortgen war auch 1917
noch Vorsitzender. Die Partei hatte sich ziemlich nach links entwickelt
und nannte sich -Sozialistische Partei -. Der Politiker bezeichnete sich
selbst zwar als -antiklerikal -, doch Revolutionär wollte er nicht sein.
Er vertrat den Grundsatz: "Es gilt erst einmal das Naheliegende
zu erreichen und dann darauf aufzubauen."
Seine politisch-gemässigte Veranlagung führte dazu, dass er selbst in
den eigenen Reihen ziemlich umstritten war, sehr wohl zu seinem eigenen
Leidwesen und zum Genuss und zur Schadenfreude im gegnerischen Lager.
Mitunter wurde Jhang sogar als Kapitalistenknecht geschmäht und das
total zu Unrecht. Zwei Zeitgenossen schreiben in diesem Zusammenhang: "
Schortgen hielt den Kapitalismus für den Erbfeind und es ist eine Beschimpfung
diesen edlen, reinen Menschen, wenn einer behauptet, er habe je mit dem
Kapitalismus paktiert oder sich von ihm vereinnehmen lassen. Er war so
unabhängig, denn er hing nur von der Arbeit seiner Hände ab."
"Tout au long de sa vie politique et syndicale Jean Schortgen
apparaît comme un homme indépendant, qualité rare dans la vie publique."
Was an Schortgen aufgefallen ist, war sein unbändiger Einsatz und sein
Durchstehvermögen. Er erlebte den Niedergang der Partei, den
Kriegsausbruch, die grosse Misere der Arbeiter-Bevölkerung, die
Anfeindungen aller Art und trotz allem gab er nie auf. Er liess sich
weder vom System noch von den Gegnern unterkriegen. Die Arbeiterbewegung
war sein Leben.
Der Gewerkschaflter
Schortgen war von der ersten Stunde an ein militanter Arbeiter, der sich
neben der Politik, auch gewerkschaftlich engagierte. Er war dabei als
die Grubenarbeiter sich in Hilfsorganisationen zusammenfanden. Er war
dabei als wenig später Sektionen der deutschen
Metallarbeitergewerkschaften im Süden des Landes gegründet wurden mit
dem Zweck, das Schicksal der Schaffenden und ihrer Familien, durch
Solidaritätsaktionen zu mildern.
Er war dabei als die ersten Konsumgenossenschaften ins Leben gerufen
wurden, die ihrerseits zum Zweck hatten, lebenswichtige Konsumartikel
billig oder auf Raten, an die vom Kapitalismus Ausgebeuteten,
weiterzugeben.
Schortgen war aber auch dabei, als am 27. August 1916 der Luxemburger
-Berg -und Hüttenarbeiter -Verband gegründet wurde. Er gehörte zu denen,
welche die Gründung des BHAV nicht als eine Konsumentenorganisation
verstanden, sondern ihm war klar, dass der neue Verband sowohl die
Lohnfrage, wie auch die Frage der Repräsentativität gegenüber dem
Patronat, zu behandeln habe. Er wusste genau, dass nur eine starke
Gewerkschaft diese Rolle und Aufgabe übernehmen konnte. Schortgen ging
in dem -Verband -mit viel Mühe und Geduld seinen Weg. Im Jahre 1917 trat
er dem Tetinger Sektionsvorstand bei und wurde am 27. Januar 1918 in den
Verwaltungsrat des BHAV gewählt, obwohl gelegentlich des Streiks vom
Juni 1917, aus politischen Motiven heraus, eine heftige Polemik um ihn
entbrannte. Dem verantwortungsbewussten Gewerkschafter war der Streik
ungenügend vorbereitet. Er sprach sich prinzipiell gegen einen Streik zu
dem Zeitpunkt aus; doch nachdem derselbe mehrheitlich beschlossen war,
stand er ständig an der vordersten Front inmitten seiner streikenden
Arbeitskollegen. Leider behielt Schortgen mit seinen prinzipiellen
Einwänden recht. Der Streik ging verloren und warf die junge
Gewerkschaftsbewegung um Jahre zurück, abgesehen von den drakonischen
Massnahmen, welche das Patronat mittels schwarzer Listen, gegen die
Arbeiterschaft in die Wege leitete.
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